Existenzsichernde Löhne in der gesamten textilen Lieferkette. Ein Erfahrungsbericht zur Einführung des Fairtrade Textilstandard

Welche Aktivitäten fanden im Rahmen des Projektes statt?

Seit 2017 wurden Assessments sowie intensive Trainings und Schulungen für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von zwei Wertschöpfungsketten der Unternehmen Brands Fashion und melawear inklusive der Prozessschritte Entkörnung, Spinnerei, Strickerei, Färberei, Druckerei, Konfektion durchgeführt. Die Einführung von existenzsichernden Löhnen wurde in konkreten Maßnahmenplänen besprochen und festgelegt. Außerdem wurden demokratisch gewählte Arbeitnehmervertretungen implementiert, die ihrerseits gezielt geschult werden und für ihre Kolleginnen und Kollegen als Ansprechperson dienen, wenn es um Arbeits- und Sozialrechte geht. Die teilnehmenden Betriebe müssen neben den fairen Arbeitsbedingungen auch hohe Umweltanforderungen erfüllen. Im Jahr 2021 gelang es schließlich, alle teilnehmenden Betriebe nach dem anspruchsvollen Standard zu zertifizieren und somit die erste Lieferkette hervorzubringen, die sich im Rahmen des Programms zur Umsetzung von existenzsichernden Löhnen verpflichtet. Kontrolliert und zertifiziert wird dies regelmäßig von Flocert, dem unabhängigen Zertifizierungsinstitut von Fairtrade. Die ersten Textilien, die mit dem Fairtrade Textilstandard ausgezeichnet wurden, sind seit Oktober 2021 im Handel erhältlich.

Fairtrade Textilstandard Siegel

Was sind die lessons learned?

Die Umsetzung des Fairtrade Textilstandards ist generell möglich. Jedoch benötigt es mehr Zeit zur Umsetzung als ursprünglich angenommen. Dies liegt zum einen an unpraktikablen Regelungen, welche für eine realistische Umsetzung angepasst werden mussten und an Abhängigkeiten und Bedingungen in der globalen und lokalen Textilindustrie, die vorher unklar waren.

Kooperation von Produktionsstätten wichtig

Gerade der Prozess der Überzeugung der einzelnen Produktionsstätten bei diesem Projekt mitzumachen, gestaltete sich schwerer als angenommen. Der Umfang der Intervention schien vorab nicht klar gewesen zu sein. Die Annahme war, dass es sich bei dem Fairtrade Textilstandard einfach um eine weitere Zertifizierung handelt, wie viele der teilnehmenden Unternehmen schon mehrere absolviert hatten. Die Einzigartigkeit wurde verschiedenen Produktionsstätten zu unterschiedlichen Zeitpunkten bewusst. Dies hat zu einem hin und her bei der Kooperationswilligkeit geführt.

Aller Anfang ist schwer

Dieses Projekt war für alle Beteiligten Neuland und so mussten sich auch Kommunikationskanäle, Berichtswesen und finanzielle Absprachen im Laufe des Projektes entwickeln und vielfach durch Zuständigkeitswechsel in den Organisationen neu sortieren. Die Flexibilität des Gebers hat hier ermöglicht, dass dies auch innerhalb des laufenden Projektes möglich war.

Vertrauen als Basis

Der Standard bietet die Möglichkeit, sich auch zu kritischen Themen, wie existenzsichernden Löhnen, transparent auseinanderzusetzen. Die Lieferunternehmen geben uns Einblicke in ihre Einkaufspreise, ihr internes Lohnabrechnungssystem und die lokale Sozialversicherungspolitik, was ein großes Maß an Vertrauen und Zugänglichkeit verlangt. Die Voraussetzung dafür sind enge partnerschaftliche Beziehungen zwischen Marke und lieferndem Unternehmen.

Was waren die größten Herausforderungen?

Keine direkten Geschäftsbeziehungen

Gerade wenn keine direkte Geschäftsbeziehung zu einer Fabrik besteht, wie bei einer Färberei oder Strickerei, muss man viel Überzeugungsarbeit leisten, selbst vor Ort sein und mit dem Management sprechen, um sie vom Mehrwert zu überzeugen.

Geringe Auslastung in der tieferen Lieferkette & fehlende Unterstützer

In der tieferen Lieferkette lasten Brands die beteiligten Fabriken i.d.R  – und so auch in unserem Fall – nicht zu 100 % aus. Je tiefer man in die Lieferkette geht, desto kleiner ist der eigene Anteil am Produktionsvolumen. Umso schwieriger ist es folglich, die Lieferunternehmen zu überzeugen. Wenn eine Färberei beispielsweise nur 10 % ihrer Aufträge von der Marke bekommt, ist die Skepsis natürlich höher als in der Konfektion, mit der eine viel engere Zusammenarbeit besteht. Gerade diese liefernden Unternehmen befürchten häufig, andere Kunden zu verschrecken – also die Auftraggebenden zu verlieren, die keinen Wert auf existenzsichernde Löhne bei ihren zuliefernden Unternehmenlegen. Allein können wir die Zahlung der Löhne aller Textilbeschäftigten nicht stemmen. Daher hoffen wir weiterhin darauf, dass sich weitere Textilunternehmen unserem Weg anschließen, denn: Je mehr mitmachen, desto schneller werden wir die Zahlung fairer Löhne erreichen.

Wie waren die Reaktionen des Fabrikmanagements & der Beschäftigten?

Viele Lieferunternehmen waren zu Beginn skeptisch. Eine der ersten Fabriken im Projekt war eine Färberei, deren Kundschaft bis dato meist nur wenig Anforderungen an die Einhaltung von Sozialstandards stellte. Dementsprechend hatten sie dort kaum Erfahrung mit dem Thema. Zu Beginn des Projektes haben sie die Forderung aus Deutschland gar nicht richtig ernst genommen. Da musste viel Überzeugungsarbeit geleistet und viele Gespräche geführt werden.

Nach und nach konnten wir aber beobachten, dass der gewünschte Bewusstseinswandel tatsächlich stattfand: Es baute sich ein intensiverer Dialog zwischen Beschäftigten und Management auf, die Arbeiterinnen und Arbeiter wussten mehr über die eigenen Rechte. In den Trainings, bei denen wir anwesend waren, konnten wir beobachten, wie die Teilnehmenden zunehmend selbstbewusster wurden und eigene Anregungen und Ideen anbrachten.

Was ist der Ansatz zur Einführung existenzsichernder Löhne?

Die Einführung existenzsichernder Löhne im Fairtrade Textilstandard ist ein mehrstufiger Prozess. Den Beginn markieren Evaluierungen der verschiedenen Lohnhöhen der Beschäftigten und die Legalität ihrer Arbeitsverhältnisse. Also die Beantwortung der Frage: Liegen geschriebene Arbeitsverträge für alle Beschäftigten vor und entsprechen diese Verträge den gesetzlichen Bestimmungen? Auch die verschiedenen Lohnbestandteile (Zulagen, in-kind Leistungen durch Transport, Kantine oder Unterkunft sowie Pensionsfond und Sozialabgaben) werden bestimmt und verrechnet. Für die Erstzertifizierung der Fabrik muss eine der folgenden Lohnhöhen für alle Beschäftigten mindestens gelten: Kollektivvereinbarungen, dem regionalen Durchschnittsverdienst oder den offiziellen gesetzlichen Mindestlöhnen der Branche entsprechen – je nachdem, welche davon am höchsten sind. Wenn die Entlohnung (Gehälter zuzüglich aller Leistungen) unterhalb des von der Global Living Wage Coalition nach der Anker-Methode festgelegten existenzsichernden Lohns liegt, muss das Unternehmen sich mit der Gewerkschafts-/Arbeitervertretung auf einen zeitgebundenen Plan mit einer Dauer von höchstens sechs Jahren ab der Erstzertifizierung einigen, in dessen Rahmen die Reallöhne erhöht werden, um die Lücke zum existenzsichernden Lohn zu schließen.

Der Ansatz von Fairtrade gilt für alle Beschäftigten in der respektiven Fabrik, also auch derer, die nicht direkt an der Verarbeitung des Produktes beteiligt sind.

Kann der Ansatz auf weitere Lieferketten oder Länder ausgerollt werden?

Generell ist die Umsetzung des Fairtrade Textilstandards in allen Ländern und Gebieten der Welt möglich, in welchen die Vereinigungsfreiheit nicht eingeschränkt ist, also Mitarbeitende einer Gewerkschaft beitreten können und diese Kollektivverhandlung führen dürfen.

Sinnvollerweise gibt es jedoch einige andere Bedingungen, die zwar nicht Voraussetzung sind, aber einem Gelingen zuträglich.

Umsetzungswillen der Brand

Zu der Umsetzung des Fairtrade Textilstandards in einer Lieferkette benötigt es einen Auftraggebenden, der Bereit ist mit allen Akteuren in der Lieferkette in Kontakt zu treten und seine Geschäftsbeziehungen Fairtrade gegenüber offenzulegen. Dazu muss die Brand unter Unsicherheit planen – sowohl zeitlich als auch finanziell. Dies gelingt besser, wenn die Brand einen hohen Anteil der Produktion der unterschiedlichen Verarbeitungsstufen abnimmt.

Kooperation innerhalb der Lieferkette

Von einer Zertifizierung der eigenen Fabrik profitieren im Außenverhältnis nur Fabriken, die in eine Lieferkette eingebunden sind, die Gleiches tut. Es ist also eine Abhängigkeit die gegenseitige Kooperation in der Lieferkette erfordert. Eine vorherige geschäftliche oder persönliche Beziehung der beteiligten Unternehmen ist dafür von Vorteil. Eine vertikale Unternehmensstruktur, die mehrere Lieferkettenstufen abdeckt, ist hilfreich, weil sie die Zahl der involvierten Parteien reduziert.

Langfristiges Interesse der Produktionsstätten

Die einzelnen Produktionsstätten müssen spätestens über die Zeit der Implementierung des Fairtrade Textilprogrammes vor der Zertifizierung erkennen, dass die Intervention ihnen langfristig zugutekommt. Meist ist es durch die Strukturierung der internen Prozesse und die Systematik der Pre-Assessements und Trainingseinheiten.

Erweiterung von bestehenden Lieferketten

Durch die Vorarbeit in diesem Projekt ist es möglich, dass neue Lieferketten und Brands verhältnismäßig schnell am Fairtrade Textilstandard teilnehmen können. Gerade in der Verarbeitung nach der Ebene der Spinnerei ist die Vorarbeit einer Zertifizierung in kürzerer Zeit machbar, wenn die verarbeitenden Unternehmen von Größe und derzeitigen sozialen Bedingungen gut dazu passen und eine Kompatibilität der Vorproduktanforderungen besteht. Dies ist möglich, da die zertifizierten Spinnereien in diesem Projekt ein Vielfaches dessen produzieren, was weiterverarbeitende Betriebe an Garn benötigen. Ein Betrieb zur Nassveredelung und einer zur Endproduktion reichen also aus, um Produkte für andere Marktteilnehmende nach dem Fairtrade Textilstandard zu produzieren.

Lokale und regionale Lieferketten

Für die Erweiterung auf Lieferketten in anderen Ländern sind die oben beschriebenen Ermöglichungsfaktoren ebenfalls wichtig. So ist es oft so, dass das Garn in andere Länder zur Weiterverarbeitung exportiert wird.
Für alleinstehende Lieferketten in anderen Ländern ist eine regionale Clusterung wünschenswert. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit einer internen Kooperation durch weniger kulturelle und sprachliche Hürden, sowie die einer professionellen oder persönlichen Beziehung zwischen verschiedenen Beteiligten.

Was würde man aus heutiger Sicht anders machen?

Während der Projektlaufzeit sind viele unvorhergesehene Ereignisse mit Einfluss auf globale Lieferketten geschehen. Nicht zuletzt die globale Corona-Pandemie. Aber auch die Biobaumwollknappheit und der daraus resultierende Preisanstieg haben den Fokus zum Teil in andere Richtungen gezwängt. Auch die Entwicklungen im deutschen Textilmarkt mit der wenig ambitionierten Fortentwicklung des Textilbündnisses und dem Aufkommen des Grünen Knopfes und des Lieferkettengesetzes waren hier Faktoren.

Viele der Dinge, die die Umsetzung des Projektes verzögert haben, waren im Projektdesign nicht vorhersehbar. Und je mehr das Projekt verlängert werden musste desto mehr Zeit gab es für unvorhergesehene Ereignisse.

Eins der Themen, welches innerhalb des Projektes hätte mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden können, war die Vernetzung der Lieferkettenakteure. In der ursprünglichen Idee war dieses Projekt eine der verschiedenen Möglichkeiten am Fairtrade Textilstandard zu arbeiten. In der Strategie von Fairtrade war vorgesehen, dass es darüber hinaus weitere Partner-Brands gibt, welche an diesem Thema arbeiten. Dadurch wären mehr Fabriken in einer ähnlichen Situation gewesen, wie die am Projekt beteiligten. Dadurch wäre ein Austausch unter diesen fruchtbarer gewesen und es hätte mehr kollegiale Beratung durch lokale Vernetzung stattfinden können. Leider ist das nicht der Fall gewesen. So konnte der Austausch nicht so tragfähig für das Projekt werden wie gedacht.


Ziele des Fairtrade Textilstandards sind die Umsetzung von existenzsichernden Löhnen, die Stärkung von Arbeitern und Arbeiterinnen und mehr Sicherheit am Arbeitsplatz.

Die Lieferkette ausgewählter Kollektionen von Brands Fashion ist nach dem Textilstandard zertifiziert. Es wird kontinuierlich daran gearbeitet, existenzsichernde Löhne in der kompletten Lieferkette umzusetzen, besuchen Sie: https://www.fairtrade-deutschland.de/einkaufen/produktfinder/produkt/vfb-stuttgart-textil-kollektion oder sehen Sie hier folgend die Textilstandard-Lieferkette von Brands Fashion ein.

Darüber hinaus ist die gesamte Baumwolle in diesen/dieser Kollektionen von Fairtrade-Produzenten angebaut, nach dem Fairtrade-Baumwollstandard zertifiziert und gehandelt.

Mehr Infos unter fairtrade-deutschland.de/siegel 

Fairtrade Deutschland e.V. / Brands Fashion GmbH

Januar 2022